Ausstellung mittelalterlicher liturgischer Textilien in St. Nicolai in Lüneburg
 
Haben Sie schon einmal Kommunionbanktücher in einer evangelischen Kirche gesehen? In St. Nicolai in Lüneburg gibt es zwei 7 m lange Leinentücher mit Seidenstickerei zu bestaunen, die etwa 10 Jahre nach Einführung der Reformation der Kirche gestiftet wurden! Sie wurden auf die Bank gelegt, an der die Gemeinde die Kommunion in beiderlei Gestalt empfing und sollten verhindern, dass eine Hostie oder ein Krümmel davon zu Boden fiel. Die Riten und Zeremonien der „alten“ Kirche, die Luther als nützlich aber nicht notwendig bezeichnete, wurden in Lüneburg weiter geübt und so stifteten Gesche Schomaker und Leonhard Töbing 1542 ein Kommunionbanktuch, das Szenen der Abrahamsgeschichte in kostbarer Seidenstickerei zeigt. Das andere Tuch, dessen Wappenschilde nicht ausgefüllt sind, zeigt die klugen und törichten Jungfrauen in Medaillons aus Ranken mit Blättern und Früchten. Dort, wo die Seidenstickerei ausgegangen ist, erscheinen die Vorzeichnungen, die sich an den Stil der Cranach-Schule anlehnen. Beide Tücher zeigen die Mode des Adels und des städtischen Patriziats. Das Kommunionbanktuch mit den Klugen und Törichten Jungfrauen ist Teil einer Ausstellung, die gerade in der St. Nicolai Kirche in Lüneburg eröffnet worden ist. Das Abrahamstuch kann aus Platzgründen nicht ausgestellt werden, wird aber in einer Medienstation gezeigt.
 Kommunionbanktuch mit Abrahamsgeschichte (Foto: Karsten Schmalz)
 
St. Nicolai besitzt eine Reihe bedeutender liturgischer Textilien, die 2015 restauriert worden sind und nun in klimageschützten Vitrinen ausgestellt sind. Neben den Kommunionbanktüchern, die jedenfalls in Norddeutschland einzigartig sind, sind zwei Antependien und eine Korporalientasche zu bewundern. Das Korporale, ein feines Leinentuch, auf dem auf dem Altar Kelch und Patene standen, wurde wegen seiner Nähe zu Brot und Wein, Fleisch und Blut Christi, für so heilig gehalten, dass es in einer besonderen Tasche aufbewahrt wurde. St. Nicolai besaß nach einem Inventar von 1532 für seine 18 Altäre 25 Korporalientaschen! Die einzige erhaltene Korporalientasche zeigt auf einem schachbrettartig gemustertem Teppich aus Goldbrokat in Reliefstickerei Christus und den ungläubigen Thomas. Die modellierte Masse besteht aus Leinenfäden, die Nasen sind aus Holz, Finger und Haar aus Draht mit Seide umwickelt; das Gewand des Thomas ist von kleinen Flussperlen gesäumt. Das Wappen der Lüneburger Patrizierfamilie Garlop zeigt, dass diese Familie die Tasche, die etwa um 1500 entstanden ist, St. Nicolai gestiftet hat.
 
Ein großes Antependium aus Seidenbrokat ist, wie die Schließen an der oberen Kante verdeutlichen, aus einem Schultervelum, einem Chormantel, umgearbeitet. Der Seidenbrokat, ein Seidengewebe, das von Goldfäden durchzogen ist, dürfte im 15. Jahrhundert in Italien gefertigt sein und zeigt ein eingewebtes Granatapfelmuster mit Lebensbäumen und Tierpaaren. Ein Längsstreifen und drei Querstreifen aus Borten mit  Heiligenfiguren in architektonischer Rahmung unterteilen das Antependium. Die doppelte Darstellung der heiligen Katharina mit dem zerbrochenen Rad und die unterschiedliche Gestaltung der Borten legen es nahe, dass das Antependium aus drei verschiedenen Stücken zusammengesetzt worden ist. Die Borten sind von erstaunlicher Frische der Farben. Das Wappen der Familie Upleger weist diese als Stifter aus.
Antependium aus einem umgearbeiteten Schultervelum (Foto: Karsten Schmalz)
 
Ein zweites Antependium aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts zeigt in doppelter Reihung 10  Bildfelder mit  Szenen aus dem alten und neuen Testament aus Applikationen und Stickereien. Die figürlichen Szenen sind in Medaillons aus Ranken und Blattwerk eingeschlossen. In der oberen Reihe wird die Erschaffung des Menschen, der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies vom Lamm Gottes mit der Siegesfahne gerahmt. In der unteren Reihe sind die Jungfrau mit dem Einhorn, die Verkündigung, die Heimsuchung, die Geburt Christi und die Auferstehung abgebildet. Dieses Stück zeichnet eine köstliche Naivität und Frische aus.
Tuch-Antependium: Jungfrau Maria mit dem Einhorn (Foto: Karsten Schmalz)
 
Mit tatkräftiger Hilfe der Landeskirche, der Klosterkammer, der Hansestadt Lüneburg, der Landschaft des vormaligen Fürstentums Lüneburg, der VGH-Stiftung, einer Reihe weiterer Stiftungen und einer großen Zahl von Spendern konnten die Textilien von St. Nicolai restauriert und nach modernen konservatorischen Grundsätzen jetzt in einer Dauerausstellung präsentiert werden. Der Textilschatz von St. Nicolai ergänzt in hervorragender Weise die textilen Bestände im Kloster Lüne, im Museum Lüneburg und in St. Johannis und macht damit Lüneburg zu einem Zentrum der Textilkunst, an dem man Textilien des Mittelalters und der frühen Neuzeit in ungeahnter Fülle und Qualität erleben kann.